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Wie wollen wir leben?

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27.05.2016 -
17:39 Uhr
Mit der Architektur-Biennale beginnt am heutigen Samstag die weltweit wichtigste Großausstellung zur „Baukunst“ – und verabschiedet sich zugleich vom Personenkult der Szene
Die Zeit der Stararchitekten ist vorbei!“ Provokante Worte sind das von einem Mann, der gerne Klartext redet und dessen graues Haar seit ein paar Tagen besonders widerborstig in alle möglichen Richtungen schießt. Nein, wenn es um seine Kollegen geht, hört für Alejandro Aravena der Spaß auf. Dieses dauernde Kreisen um sich selbst müsse endlich ein Ende haben. Genauso, im Büro zu sitzen und auf den Anruf eines Scheichs zu warten. Diese „Für-Geld-bau-ich-alles“-Architekten würden doch den ganzen Berufsstand lächerlich machen.



Der kürzlich erst mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnete Biennale-Chef aus Chile hat sich auf der Pressekonferenz wieder einmal in – kontrollierte – Rage geredet, während neben ihm der stets soigniert-lässige Paolo Baratta keine Miene verzieht. Signor Presidente kann es mit allen. Die Power-Lady von Rolex soll ja gleich noch ihren Gruß loswerden, irgendwoher muss das Sponsorengeld schließlich kommen. Und Luxus-Uhren sind in Venedig auf jeden Fall besser als Kreuzfahrtschiffe. Doch diesmal wirkt die Präsenz des meistkopierten Statussymbols noch bizarrer als schon in den Jahren zuvor.



Ein Dach überm Kopf



Für den Preis so einer Rolex-„Oyster“ oder „Submariner“ baut sich eine Familie in Bangladesh, Burkina Faso oder sonstwo mehr als ein ganzes Haus. Wie das aussehen und vor allem sinnvoll geschehen kann, das ist das große Thema dieser Biennale, die mit dem Titel „Reporting from the Front“ nach Kriegsberichterstattung klingt. Aravena mag das so nicht verstanden wissen, gleichwohl geht es in vielen Beiträgen um Wiederaufbau oder Notunterkünfte, um das bauliche Agieren in Krisengebieten, am Rande der Gesellschaft, wo das Minimum her muss: ein Dach überm Kopf.



Und das braucht keineswegs von Dauer zu sein. Ausgehend vom religiösen Kumbh-Mela-Fest in Indien, bei dem alle zwölf Jahre 19 Millionen Menschen untergebracht werden müssen, zeigt Rahul Mehrotra aus Mumbai, dass das Urbane durchaus flüchtig sein kann und darf – eine Horrorvorstellung für uns Deutsche. Wobei auch das Oktoberfest auftaucht, und da scheint gerade das Bierzelt besonders gemütlich. Selbst die Filzjurte mongolischen Ursprungs nebenan wirkt (bis auf den strengen Geruch) nicht unsympathisch und bildet in Ulan Bator für tausende zugezogener Viehhirten eine Langzeit-Lösung.



Aravena ist ein am Praktikablen interessierter Macher, der vor dem Mangel nicht kapituliert. Das hat den 48-Jährigen bekannt gemacht: Mit seinem sozialen Wohnbauprojekt Quinta Monroy im chilenischen Iquique hat er 2004 für hunderte Familien eine Bleibe entwickelt. Das Budget von 7500 Dollar pro Einheit reichte allerdings nur für ein halbes Haus. Das Nötigste also, das auch noch ziemlich gut aussah. Den Rest konnten sich die Bewohner peu à peu dazu bauen – der Optik war das nicht immer zuträglich. Aber auf diese Weise gelang es Aravena, fast 3 000 Wohnungen für Arme zu schaffen. Dieser Mann hat eine soziale Mission. Da mag er nicht der Erste sein, doch der Architekt, der seinen Beruf kurz nach dem Studium völlig frustriert an den Nagel hängte, um eine Bar zu eröffnen, verfolgt seinen Weg ausgesprochen konsequent.



Handfeste Überzeugungen



Entsprechend ist diese Biennale ausgefallen. Auch wenn sich ein paar der eingeladenen Baumeister mit Plakaten und Pamphleten zufrieden geben, ihre Projekte auf Tafeln dekorativ von der Decke baumeln lassen (wie leider die fabelhafte Maria Giuseppina Grasso Cannizo, die in ihrer Heimat Sizilien ein sich entfaltendes, ganz und gar auf die Landschaft eingehendes Haus gebaut hat) oder esoterisch angehauchte Installations-Peinlichkeiten servieren, die bei der Eröffnung eines Yoga-Zentrums passender wären. Aber das muss man bei immerhin 88 „Front-Reportern“ wohl in Kauf nehmen.



Schon deshalb sind die handfesten Beiträge oft die überzeugendsten. Etwa, wenn Bauweisen und Materialien vorgeführt werden. Wang Shu und Lu Wenyu sind mit ihrem Amateur Architecture Studio im chinesischen Hangzhou dabei, alte Traditionen wieder aufzugreifen – gutes Material und gekonnte Handarbeit haben über die Jahrhunderte zu höchst ästhetischen Ergebnissen geführt, man könnte es also wissen.



Aber dass der älteste Baustoff der Welt noch lange nicht ausgereizt ist und auch für unsere Breitengrade interessant sein müsste, hat man kaum auf dem Schirm. Anna Heringer aus Rosenheim arbeitet mit Lehm, der schätzungsweise drei Milliarden Menschen auf der Welt ein Zuhause gibt. Für sieben Milliarden, schreibt sie, reichten Stahl und Beton eben nicht aus. Und Lehm ist fast überall zu haben, kommt aus der Erde und fügt sich problemlos wieder in die Erde, die Kosten sind niedrig. Ihre Gebäude stehen in Bangladesh. An der TU München wird der Einsatz in Deutschland erforscht, und Martin Rauch hat nicht nur in Schlins in Vorarlberg bewiesen, dass ein (Stampf)Lehmbau dort bestens funktioniert. Sein ansehnliches Rauchhaus steht schon seit zehn Jahren.



Flexible Lösungen



Es geht nicht nur um Architektur für Arme oder humanitäres Bauen, sondern um nachhaltige, preisgünstige, flexible Lösungen, deren Bedarf weltweit immens ist. Und natürlich sind auch ein paar Stararchitekten dabei. Denn so ganz ohne große Namen will keine Biennale auskommen. Allerdings zeigen sich Renzo Piano (immer im Einklang mit der Umgebung), Norman Foster, Sanaa (haben die fast verlassene Insel Inujima wieder attraktiv gemacht), Herzog & De Meuron oder David Chipperfield (entwarf ein Museum für die Naga-Ausgrabungen im Sudan, die das Museum Ägyptischer Kunst in München betreut) von ihren vorbildlichsten Seiten.



15. Architektur-Biennale, bis 27. November, Di bis So 10 bis 18 Uhr (bis 24. September: Arsenale Fr und Sa bis 20 Uhr); Eintritt 25 Euro, 48-Stunden-Ticket 30 Euro, Dauerkarte 80 Euro; Katalog 70 Euro, Biennale-Führer 16 Euro, www.labiennale.org